
Geranium Robertianum
Seit ca. 40 Jahren erfreut sich ein „Heilverfahren“, das sich den Anspruch stellt, auf die Äbtissin Hildegard von Bingen und ihre Schriften zurückzugehen, ständiger Popularität. Unter dem Namen „Hildegard- Medizin“ werden viele Ratschläge vermittelt, die kaum hinterfragt werden. Dennoch stellt sich die Frage, ob die Schriften Hildegards auch richtig interpretiert werden und ob mittelalterliche Rezepturen auch in der heutigen Zeit eine Berechtigung haben.
Wer war Hildegard von Bingen
Eine Biographie der Äbtissin in diesem Rahmen zu vermitteln ist angesichts der Fülle an Literatur über Hildegard sicher nicht nötig. Daher nur kurz: Hildegard wurde 1098 als zehntes Kind einer angesehenen und vornehmen Familie geboren, also in einem Zeitraum des Mittelalters, der geprägt war durch eine fest gefügte gesellschaftliche Lebensordnung. Jeder wurde in seinen „Stand“ hineingeboren und in diesem blieb er normalerweise ein Leben lang. Diese mittelalterliche Gesellschaft war weniger durch den Staat geprägt, sondern primär durch die Kirche. Auch das Geistesleben war von ihr abhängig, die Kirche besaß sozusagen das Bildungsmonopol und die Klöster hatten nicht nur die Pflicht zur sozialen Fürsorge, sondern waren auch die Zentren medizinischer Pflege und Forschung. Frauen hatten in dieser Zeit kaum Zugang zu Bildung, es sei denn über die Klöster. Hildegard kam bereits mit 8 Jahren in den Genuss, in Latein und Grammatik unterrichtet zu werden. Sie war also eine hochgebildete Frau, als sie ihr erstes eigenes Kloster gründete. Da dem Benediktinerorden, dem sie angehörte, besonders die Beschäftigung mit der Medizin in Theorie und Praxis zukam, kann auch angenommen werden, dass Hildegard mit den medizinischen Werken wie denen von Dioskorides oder Galen vertraut war. Ihre eigenen naturkundlichen Schriften, die sie mit 43 Jahren zu verfassen begann, spiegeln auch den Wissensstand der damaligen Heilkunde wider, der Elementenlehre und der Säftelehre.
Hildegard, „Bildschirm des lieben Gottes“
Der Begründer der „Hildegard- Medizin“, der Arzt Dr. Hertzka, sah in den Schriften Hildegards nicht die großartige Interpretation des ganzheitlichen heilkundlichen Systems der Säftelehre, sondern primär die Botschaft Gottes. Hildegard war nicht nur gebildet, sondern verfügte offenbar auch über die Fähigkeit, Visionen zu haben, die sie „Schau“ nannte. Die „Hildegard- Medizin“ vertritt daher die Meinung, dass Hildegards Schriften in ihren Visionen „von Gott selbst“ diktiert wurden. So heißt das erste Buch über die Medizin der Hildegard auch „So heilt Gott“. Um diesen Anspruch zu rechtfertigen, wird Hildegard sogar unterstellt, des Schreibens nicht mächtig gewesen zu sein und ihr von „oben kommendes“ Wissen ihrem Sekretär Volmar diktiert zu haben.
Hildegards Schriften richtig interpretiert
Hildegard schrieb primär in Latein, doch bei ihren naturheilkundlichen Schriften gab sie vor allem bei den Pflanzen die damaligen mittelhochdeutschen Namen an. Es erfordert daher medizinhistorischer Kenntnisse, richtig zu interpretieren, dass mit „Ebich“ der Efeu gemeint ist, den sie als Salbe aufgetragen, gegen „gelsucht“, im Sinne der Säftelehre als ein Überwiegen des Wasserelementes und somit eine Schwäche der Leber zu interpretieren, empfahl. Diesen medizinischen Rat hat sie nicht nur aus der damaligen Volksmedizin übernommen, sondern er ist auch aus Sicht der Elementenlehre interpretierbar, da dem Efeu eine „warme und trockene“ Wirkung zugesprochen wird, das heißt in der Sprache der Säftelehre, dass Efeu das Feuer im Körper so anregen könnte, dass es das Wasserprinzip, dem die Leber unterstellt ist, unter Kontrolle bringen kann. Dieses komplizierte Beispiel soll zeigen, dass Hildegards Schriften nur verstanden werden können, wenn man die Prinzipien der Traditionellen Abendländischen Medizin kennt. Ist dies nicht der Fall, entstehen viele Ratschläge, die sicher nur als Fehlinterpretation zu verstehen sind.
Die „Küchengifte“
In den Büchern der Hildegard- Medizin findet man Lebensmittel, die man meiden sollte. Gerste und Hirse sollte man meiden, ebenso wie Kartoffeln und Tomaten (die Hildegard nicht einmal durch Visionen kennen konnte). Auch Zwetschken und Erdbeeren gelten als „Küchengifte“, ebenso wie Lauch und Chicoree. Zu meiden sind auch Schweinefleisch und Gans!. Was kann man von diesen Ratschlägen halten? Hildegard bezeichnete zwar viele Pflanzen als „unkrut“, doch sie gab auch konkrete Hinweise, wie man sie dennoch verwenden könne. Der Lauch muss daher rehabilitiert werden. Roher Lauch ist primär „warm“, also innerlich erhitzend. Überwiegt nun bei einem Menschen das innere Feuer, was zu Gastritis, hohem Blutdruck, etc. führen könnte, dann sollte er erhitzende Speisen meiden. Diese sind aber Menschen zu empfehlen, bei denen das Wasserprinzip zu sehr ausgeprägt ist, die also zu Verschleimungen neigen, die „nahe am Wasser gebaut“ ständig erkältet sind. Lauch ist also nur ein „Küchengift“ für bestimmte Menschen und kann ein Heilmittel für andere sein. Ähnlich können auch die anderen „Küchengifte“ interpretiert werden.
Hildegard und das Pelargonienpulver
Hildegard war sicher nicht nur des Lateinischen, sondern auch des Griechischen mächtig. Dass es nicht immer einfach ist, die Heilpflanzen, die Hildegard beschrieb, richtig zu identifizieren, zeigen viele Beispiele. Eines davon ist der Ratschlag, der in vielen Hildegard- Ratgebern zu finden ist, nämlich das „Pelargonien- Pulver“ gegen Erkältungen und Schnupfen. Die Pelargonien kamen erst um 1800 aus Südafrike nach Europa. Die Familie der Storchschnabelgewächse umfasst die Pelargonien (pelargos, griech. Storch), die Geranien (geranos, griech. Kranich) und die Reiherschnäbel (erodios, griech. Reiher). Es ist aus botanischer Sicht zu vermuten, dass Hildegard zur Stoffwechselanregung, die bei Erkältungsneigung auch wichtig ist, das Ruprechtskraut, auch Stinkender Storchschnabel (Geranium robertianum) mit ihrer – richtigen – Bezeichnung „Kranichschnabel“ gemeint hat, dessen Anwendung sicher zu empfehlen ist. Immerhin ist den Pelargonien aber keine negative Wirkung nachzusagen, das „Pelargonienpulver“ kann daher nicht schaden.
Problematische Heilpflanzen
Manche Ratschläge wie Akeleisaft gegen Fieber sind aus pharmakologischer Sicht abzulehnen. Hildegards Ratschläge im Sinne der Elemententheorie mögen richtig gewesen sein, auch wenn giftige Pflanzen dabei vorkommen. Auch in der TCM oder dem Ayurveda, Heilsystemen mit ähnlichen Prinzipien wie unsere Traditionelle Abendländische Medizin, werden in manchen Rezepturen giftige Pflanzen eingesetzt. Doch das erfordert eine genaue Kenntnis dieser Heilsysteme. Akelei anzuwenden ist daher ebenso abzulehnen wie Aronstab, Diptam, Poleiminze, Rainfarn, Weinraute oder Schöllkraut, deren Verwendung in den Hildegard- Medizin- Büchern angeraten wird und die man als Produkte in den Listen der Hildegard- Medizin- Anbieter findet.
Empfehlenswerte „Hildegard- Apotheke“
Diese Warnungen sollen nicht die Ratschläge der hochgebildeten Äbtissin diskreditieren, sie sollen nur dazu dienen, nicht blind allem, was im Namen Hildegards verkauft wird, zu vertrauen. „Viel benannt, aber kaum bekannt“ könnte man die Werke Hildegards bezeichnen. Das soll aber nicht davon abhalten, herzhafte Rezepturen Hildegards wie ihre Nervenkekse oder den Herzwein auszuprobieren.
Nervenkekse:
„Der Mensch pulverisiere die Muskatnuss und in gleichem Gewicht Zimt und etwas Nelken (Gewürznelken). Und mit diesem Pulver und Mehl und etwas Wasser bereite er Törtchen (damit waren Vorläufer unserer Tabletten gemeint) und diese esse er oft und es dämpft alle Bitterkeit des Herzens und seines Geistes und öffnet seine stumpfen Sinne, und es macht seinen Geist fröhlich und mindert alle schädlichen Säfte in ihm.“
Muskat hat tatsächlich in richtigen Dosen eine stimmungsaufhellende Wirkung, Zimt und Gewürznelken sind geistig und körperlich, sprich Stoffwechsel anregend. In Keksen verbacken können diese Gewürze sicher nicht nur graue Novembertage erhellen.
Herzwein:
„Aber wer im Herzen oder in der Milz oder in der Seite Schmerzen hat, der koche Petersilie in Wein und füge etwas Essig und genug Honig bei und dann seihe er durch ein Tuch und so trinke er oft und es heilt ihn“.
Zu Hildegards Zeiten gab es noch keinen reinen Alkohol, um Tinkturen herzustellen. Wirkstoffe wie ätherische Öle sind in Alkohol besser löslich, das erkannte schon die antike Medizin und griff auf Wein zurück. Daher die vielen Rezepte von Kräuterweinen bei Dioskorides und Plinius und auch bei Hildegard. Petersilie hat eine harntreibende Wirkung, was sich bei manchen Herzbeschwerden positiv auswirken kann. Bei der empfohlenen Zubereitung mittels Kochen bleibt allerdings von den ätherischen Ölen gerade soviel, dass ein angenehm schmeckender Wein entsteht und der kann nicht nur Herzkranken empfohlen werden. Auch der Milz, die in den Schriften Hildegards nicht anatomisch zu betrachten ist, sondern als das Organ, das aus Sicht der Elementenlehre dem Erdelement zugeordnet werden kann, kann ein solcher Trank nur gut tun. Wenn das Erdelement und somit die „schwarze Galle“ überwiegen kommt es zu Melancholie. Petersilie kann die „gestockte“ Erde wieder zum Fließen bringen mit seinem „Luftanteil“ und hilft somit den armen „Erdmenschen“ wieder ein fröhliches und gesundes Herz zu bekommen.
Hildegard- Medizin kann also tatsächlich helfen, doch sollte man denn theoretischen Hintergrund der mittelalterlichen Medizin dabei immer bedenken.